Ausgabe 3_2020, Startseite II
Pfingstpredigt von Bischof Dr. Georg Bätzing
Die Kirche müsse sich weiter öffnen, sich aus geschlossenen Räumen und Systemen zurückziehen und sich den Menschen zuwenden. Pfingsten sei das Fest, das dazu ermutige und den Weg weise. „Draußen vor den Kirchtürmen, mitten in der Stadt und in der Welt, ist der eigentlich spannende Ort, um von Gott zu reden und zu Erfahrungen mit Gott einzuladen”, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Georg Bätzing am Pfingstsonntag (31.05.2020) in Limburg.
Im Hohen Dom feierte er mit 70 Gläubigen Gottesdienst. An Pfingsten werde die Richtung der pfingstlichen Bewegung offenbar. Die Türen zeigten den Weg von drinnen nach draußen. Die Apostel verließen ihr Obergemach und stellten sich der Öffentlichkeit.
Diese Botschaft gelte auch in Corona-Zeiten. Viele Wochen lang sei das Leben in Deutschland heruntergefahren gewesen. Nun wache die Gesellschaft allmählich wieder auf und es gelte eine Balance zwischen Freiheit und Sicherheit zu finden, solange die Gefahr der Pandemie nicht gebannt ist. Nun sei auch die Zeit, in der sich viele wieder vorwagten – die fröhlich Unbesorgten genauso wie die tief Besorgten und leider auch die extrem Ausgerichteten. „Seltsame Koalitionen von völlig berechtigten Anliegen mit solchen von Esoterikern und Verschwörungstheoretikern, von rechten und linken Demonstranten wollen diesen öffentlichen Raum als erste besetzen. Mit teils kruden Thesen und Forderungen, die leider sogar in hohen kirchlichen Kreisen Widerhall gefunden haben, bleiben sie, wenn auch lautstark und hässlich aggressiv bisher eine Randerscheinung”, so Bischof Bätzing.
Die Mehrheit der Bürger sei mit der zeitweisen Einschränkung der bürgerlichen Freiheit einverstanden gewesen und die Wirkung der Maßnahmen zeige Erfolg bei der Eingrenzung und Versorgung von Erkrankten. Der Bischof habe sich in den vergangenen Wochen oft die Frage gestellt, ob Kirche und Religion systemrelevant seien.
Bei allen Lockerungen, bei aller wunderbarer Kreativität und einer erstaunlichen Breite medialer Angebote, seien die Grundvollzüge der Seelsorge weiterhin erheblich eingeschränkt. Es habe ihn gefreut, dass der Bundespräsident die Haltung der Kirchen mit ihren Angeboten öffentlich gelobt habe. Dennoch sei er sehr beunruhigt, wenn ihm Krankenhausseelsorger erzählten, von denen man annehme, sie seien in Corona-Zeiten besonders gefordert, sie würden von der säkularen Welt nicht mehr als relevant wahrgenommen werden, obwohl sie präsent sein wollten.
Diese Erfahrung, nicht relevant zu sein, sei nicht neu, sondern schon seit Jahrzehnten gegeben, und könne sich nun durchaus beschleunigen. „Die Gottesfrage könnte in der Öffentlichkeit noch mehr verstummen und ins Private abgedrängt werden, die Gottesdienste könnten noch leerer werden, die Plausibilität des christlichen Welt- und Menschenbildes noch heftiger einbrechen. Ja, diese Krisenzeit verschärft die Zeitansage an die Kirche. Wir müssen uns ihr stellen, sie durchdringen und miteinander darauf antworten”, so Bätzing.
Datenschutz